Zukunftsaussichten

Auch außerhalb der Corona Pandemie, die die Welt grade erschüttert, sind Entwicklungen im Gange, die unser Leben nachhaltig verändern werden: Wachsende Ungleichheit, Klimawandel, Digitalisierung, Auswirkungen des Fortschritts in den Biowissenschaften, um nur einige zu nennen. Spätere Konsequenzen unserer jetzt getroffenen Entscheidungen sind dabei oft heute noch nicht klar.

Mit „The Second Machine Age. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird.“ von Erik Brynjolfsson und Andrew Mcafee (2014/deutsche Ausgabe 2018) lichtet sich der Nebel bezüglich der Auswirkungen der Digitalisierung .

Die Autoren untersuchen, was Computer alles können (und was nicht)- Sie berücksichtigen dabei auch, wie sich unser volkswirtschaftliches Denken ändern muss, um zu erfassen, dass der Computer für den Geist das ist, was die Dampfmaschine für die Muskelkraft war: ein Mittel, das alte Beschränkungen hinwegfegt und eine ganz neue Organisation von Arbeitsprozessen erfordert.

Sie fragen, welche Auswirkungen die durch die Digitalisierung immer größer werdende gesellschaftliche Ungleichheit (Gefälle) haben wird und machen Vorschläge, wie wir damit umgehen könnten.

Im letzten Teil geben Brynjolfsson und Mcafee Empfehlungen für den Einzelnen, politische Empfehlungen für alle und mahnen zum bewussten Umgang mit Technologie. Obwohl die Autoren Wissenschaftler sind, verlieren sie sich keinen Moment in akademischen Selbstgesprächen, sondern erklären höchst anschaulich und verständlich, was auf uns zukommt.

Nach einem langsamen Start befinden wir uns mitten in einer Zeit des verblüffenden Fortschritts digitaler Technologien. Die Leistungsstärke von Computern wächst exponentiell, dabei entstehen nicht nur von Nutzern eingegebene riesige Datenmassen, auch Maschinen übermitteln Daten an andere Maschinen.

Computer können mehr und mehr leisten: dabei fällt es den Rechnern leichter, geistige Höchstleistungen zu vollbringen als Bewegungen und Sinneseindrücke nachzuahmen. Die geistige Leistung einer Professorin oder eines Professors ist also leichter durch einen Computer zu ersetzen als die von körperlichen Bewegungen und Sinneseindrücken bestimmte Leistung eines Gärtners oder einer Bäuerin.

Wie messen wir den Wert einer digitalen Leistung? Eine Besonderheit digitaler Güter ist, dass wir sie ohne nennenswerte Kosten vervielfältigen können. Das unterscheidet sie von anderen Gütern. Sie werden auch nicht weniger dadurch, dass viele sie verwenden. Im Gegenteil: Digitale Netzwerke steigen im Wert, je mehr Nutzer sich anschließen und Daten erzeugen. Man denke nur an Wikipedia, Instagramm oder Whatsapp. Nutzer zahlen oft nicht mit Geld, sondern mit ihrer Zeit. Jede weitere Information, die von einem Nutzer oder einer Maschine kommt, verbessert das System als Ganzes für alle Nutzer.

Wie entstehen Innovationen, die das Ergebnis der Arbeitsleistung eines Einzelnen verbessern können? Um eine nennenswerte Auswirkung zu haben, muss es sich um Innovationen in der Basistechnologie handeln, also eine grundlegende Technologie, die in vielen verschiedenen Bereichen nützlich angewendet werden kann. Mit der Digitalisierung sind durch die Vernetzung von Gehirnen und Maschinen bahnbrechende Methoden zur Kombination und Rekombination von Ideen möglich geworden. Wissenschaftliche Probleme werden unter den neuen Bedingungen oft von Menschen gelöst, die in einem ganz anderen Fachgebiet tätig sind als in dem, aus dem das Problem ursprünglich stammt.

Drei Faktoren, nämlich erstens die anhaltende exponentielle Weiterentwicklung der Computerleistung, zweitens die immer größere Menge an digitalen Daten und drittens die Innovation durch Neukombination von bereits Bekanntem sorgen dafür, dass es immer neue Durchbrüche bei der Entwicklung von nutzbarer künstlicher Intelligenz gibt. Die Anbindung von immer mehr Menschen an ein gemeinsames digitales Netz führt zu noch mehr Innovation, immer mehr Menschen auf der Welt können ihre Ideen beisteuern. Dennoch, bis diese Innovationen sich ausgewirkt haben und in der Gesellschaft umgesetzt werden, braucht es oft Jahre.

Jahrelang werden Mitarbeiter geschult, Organisationsstrukturen geändert, neue Geschäftsprozesse eingeleitet, bis sich eine Anwendung durchgesetzt hat.

Auch unser Denken hat sich noch nicht auf die Digitalisierung eingestellt: Es geht jetzt nicht mehr um Dinge, sondern um Ideen, um Geist, nicht um Materie, um Bits, nicht um Atome, um Interaktion, nicht um Transaktionen. In der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts kommen kostenlose digitale Güter nicht vor, beispielsweise der Gewinn, der durch allgemein zugängliches Wissen in der Wikipedia entsteht. Gratisleistungen fallen durch das Denkraster. Wir brauchen also neue Maßstäbe bei der Messung von Wohlstand. Jeder Nutzer zahlt mit seiner Zeit. Mehr Freizeit wäre also ein Zeichen von Fortschritt. Bei der Entwicklung eines neuen wirtschaftlichen Denkens müssen ALLE unsere Werte in die Rechnung einfließen, nicht nur die materiellen.

Was wird die Digitalisierung für Auswirkungen auf den Wohlstand des Einzelnen haben?

Schon jetzt zeigt sich in den Industrienationen eine wachsende Ungleichheit bei Einkommen, Wohlstand und Lebensumständen der Menschen. Die Autoren wählen das Feld der Fotographie als einleuchtendes Beispiel für den Wandel durch Digitalisierung. Sie vergleichen die Firma Kodak, ein Riesenunternehmen zur Zeit der analogen Fotographie, die selbst 145.300 Mitarbeiter hatte und über ihre Zulieferer vielen Tausend Menschen Arbeit gab, mit der Firma Instagramm, die als App 2010 von einigen wenigen Menschen entwickelt wurde und in den ersten Jahren 12 Mitarbeiter hatte. Instagramm wurde von Facebook aufgekauft; Facebook hat heute 1,9 Milliarden Nutzer, Instagramm 600 Millionen aktive Nutzer. Die Werbeeinnahmen von Instagramm sind immens, sie betragen momentan laut „brandwatch“ ca 10 Milliarden Dollar. Das heißt: großer Gewinn, mehr als jemals vorher, wird von weniger Menschen mittels Technologie geschaffen und der entstehende Reichtum begünstigt einige wenige.

Nimmt man das Medianeinkommen zur Hilfe, um herauszufinden, wie es dem Großteil der Bevölkerung geht, so ergibt sich das folgende Bild: (Medianeinkommen heißt das Einkommen der Person, die sich exakt auf der Mitte der Einkommensverteilung befindet, so dass die eine Hälfte mehr, die andere weniger verdient.) Bezogen auf die USA hat 2012 ein Prozent bestehend aus Spitzenverdienern 22 % des Gesamteinkommens bezogen. Demgegenüber sank seit 2008 die Lebenserwartung weißer Amerikaner ohne Highschool Abschluss um ca.3 Jahre. In Europa (laut der von der Europäischen Union herausgegebenen Studie zu Einkommensungleichheit vor und nach der Finanzkrise 2008) ist die Einkommensungleichheit seit 2008 ebenfalls gestiegen.

Die Autoren stellen die Frage, ob der durch Technologie erzeugte Wohlstand so groß sein werde, dass die Einkommensungleichheit schließlich keine Rolle mehr spielen wird. Leider kommen sie zu dem Schluss, dass das nicht so sein wird: viele Menschen werden in absolute Armut absinken, die Chance, gesellschaftlich aufzusteigen (soziale Mobilität), nimmt ab und damit ist auch die Demokratie in Gefahr. Es gibt drei Gewinnergruppen: die Besitzer von Vermögen, Geräten oder geistigem Eigentum; die, die über Humankapital verfügen, d.h. Ausbildung oder spezielle Kompetenzen, und schließlich die Superstars, die über ein besonderes Talent oder eine besondere Fähigkeit verfügen und so auf ihrem Gebiet die Besten sind.

Während eine kleine Gruppe reicher wird, geht es der Masse der Bevölkerung schlechter als zuvor. Die Gründe dafür sehen die Autoren darin, dass Technologie zunehmend Arbeitsplätze ersetzt. Es steigt die Nachfrage nach gut geschulten Arbeitnehmern, aber die Nachfrage nach ungelernten Arbeitern sinkt. Im Zusammenspiel mit Technologien und einer auf diese Technologien eingerichteten Organisationsstruktur erreichen außergewöhnlich kreative und geschulte Mitarbeiter hohe Produktivität und erweisen sich so als extrem wertvoll, während die Beschäftigung ungelernter Arbeiter keinen Reiz birgt, denn langfristig hat ein geringer Arbeitslohn der Wartung einer Maschine nichts entgegenzusetzen.

Durch den globalisierten Markt entstehen sogenannte Alles oder Nichts Märkte: Spitzenprodukte werden weltweit vertrieben, aber die Zweit- oder Drittbesten, oder lokale Produkte rechnen sich nicht für die großen Onlinehändler. Jede Innovation verdrängt das Vorgängermodell. Eine solche „Superstar-Ökonomie“ ist sehr anfällig für Extremereignisse. In ihr kassieren 20% der Beteiligten ungefähr 80% des Gewinns.

Welche Konsequenzen sollte der Einzelne ziehen, um in dieser Situation zu bestehen? Sogar wenn es so aussieht, als werde der technologische Fortschritt vor keinem Arbeitsplatz Halt machen, muss man doch zwei Tatsachen berücksichtigen: Wie schon oben erwähnt, braucht es zur Zeit noch enorme Rechnerleistung um sensomotorische Leistungen zu erbringen. Das bedeutet, dass Berufe, in denen Bewegungsleistung und die Verarbeitung von komplexen Sinneseindrücken gefragt sind, wahrscheinlich nicht so schnell von Robotern übernommen werden können.

Die zweite Tatsache ist die, dass Menschen anders an Probleme herangehen als Computer. Computer und Roboter folgen ihrer Programmierung und versagen in allem, was darüber hinaus geht, während Menschen dazu in der Lage sind, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Computer sind Menschen überlegen darin, Antworten zu finden, doch sind es die Menschen, die die Fragen stellen. Es ist also die Kombination von menschlichem Denken und Computerleistung, die Probleme erfolgreich lösen kann.

Letztlich sind also die Menschen in der Lage, mit der Digitalisierung erfolgreich umzugehen, die sie nutzen können. Das klingt wie eine Binsenweisheit, ist jedoch in einem nie vorher da gewesenen Maße wahr: Online steht dem /der hochmotivierten Lernenden ein riesiges Angebot an öffentlich zugänglichen Kursen zur Verfügung. (Khan Academy und MOOCs der renommiertesten Universitäten). Die Fähigkeit Technologie zu nutzen, in Zusammenhang mit Ideenfindungs- und Teamfähigkeit, zeichnet den erfolgreichen Arbeitnehmer aus und ist ein Weg , der Rationalisierung zu entgehen.

Die jetzige Schulbildung ist jedoch breitenwirksam nicht dazu angetan, Menschen in dieser Weise zu fördern. Sie ist einerseits oft noch auf die vor-digitale Wirtschaft ausgerichtet, andererseits sind Fähigkeiten wie Kreativität und Teamfähigkeit schwerer zu testen als Faktenwissen. Die Autoren empfehlen eine Art von Montessori Pädagogik, die die Fähigkeit zur komplexen Kommunikation, Ideenbildung und Mustererkennung verbessert und zur Selbständigkeit anleitet.

Auch in ihren politischen Empfehlungen räumen die Autoren der Bildung die höchste Priorität ein. Sie fordern Anreize für bessere Lehrkräfte und die Entfernung schlechter Lehrkräfte (gemessen am Lernerfolg ihrer SchülerInnen) aus dem Bildungswesen. Die Fähigkeit, neue Technologien zu nutzen, Kreativität und gemeinsame Problemlösung rangieren ganz oben bei den Bildungszielen, aber auch die Lese- und Schreibfähigkeit und die Förderung der ausdauernden Lernwilligkeit. Nur durch eine solche Bildungsoffensive kann in einer Gesellschaft der steigenden Ungleichheit entgegengewirkt werden.

Die zweite politische Empfehlung lautet, Unternehmen und Start ups zu fördern, indem man auf eine übergriffige staatliche Reglementierung und eine fremdenfeindliche Einwanderungspolitik verzichtet. Neue Ideen schaffen Innovation und Arbeitsplätze, die riesigen vorhandenen Datenmengen schaffen zahllose Möglichkeiten, Probleme immer passgenauer zu lösen. Zwar werden in Zukunft die Gehälter niedriger sein und die Arbeitnehmer öfter den Arbeitgeber wechseln als früher, aber so wird auch die Risikobereitschaft und weitere Innovation gefördert.

Wichtig ist für Wachstum und Wohlstand auch die Stabilität des Staates, der für großzügige Investition in Grundlagenforschung und für eine gute Infrastruktur sorgen muss. Steuern könnten helfen, unliebsamen Erscheinungen durch Besteuerung entgegenzuwirken. ( Pigou-Steuer) So könnte man beispielsweise Umweltverschmutzung hoch kostspielig machen. Ebenfalls könnte man solche Güter besteuern, deren Angebot sich dadurch nicht verringert, wie zum Beispiel Land. Spitzengehälter sollten ebenfalls besteuert werden, eine Forderung, die sich auf Grund des vorher gesagten von selbst erklärt.

Es ist klar, dass die Bereitschaft von Unternehmern, Menschen akzeptable Löhne zu zahlen, mit dem wachsenden Einfluss der digitalen Technologie sinken wird. Wir müssen also Wege finden, einerseits die Fülle und den wachsenden Gewinn durch Digitalisierung sich entfalten zu lassen, andererseits mit der gesellschaftlichen Herausforderung durch wachsende Ungleichheit umzugehen. Wie soll das geschehen?

Einige Politiker und Wirtschaftsexperten schlagen das bedingungslose Grundeinkommen vor; dagegen setzen die Autoren aber das Argument, dass Arbeit nicht nur dem Gelderwerb, sondern auch dem Erhalt der Selbstverwirklichung und der Selbstachtung dient. Sie favorisieren eine „negative Einkommenssteuer“, bei der die eigene Arbeitsleistung vom Staat soweit subventioniert wird, dass sie sich dem Medianeinkommen annähert. Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, umso mehr Ideenreichtum wird nötig sein, um mit der asymmetrischen Verteilung von Einkommen gut umzugehen.

Auf welche Zukunftsperspektiven müssen wir uns einrichten? Wenn die Autoren auch begeistert sind von den Möglichkeiten, die sich dem menschlichen Geist durch die Digitalisierung bieten, warnen sie auch vor den vorher nie gekannten Möglichkeiten, Technik zu bösartigen Zwecken einzusetzen. Nie vorher hatten so viele Akteure die Möglichkeit, in einem so großen Ausmaß Schaden anzurichten.

Die Komplexität eines Systems technischer Infrastruktur kann aber auch ohne Vorsatz dazu führen, dass kleine Schönheitsfehler sich kaskadenartig zu großen Katastrophen auswachsen. Ebenso sind die Gefahren für Freiheit und Privatsphäre höher als je zuvor. Die Verantwortung wächst und unsere Werte werden bei der Antwort auf die Frage, was für eine Zukunft wir wollen, immer wichtiger.

THE SECOND MACHINE AGE. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird. Erik Brynjolfsson und Andrew Mcafee , 2014 Plassen Verlag 2.Auflage 2019

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